Der österreichische Kardiologe Georg Titscher brachte es mit den Worten auf den Punkt: „Die arterielle Hypertonie gilt als klassische psychosomatische Erkrankung im Sinne einer psychischen Mitverursachung.“1 Denn bei der Entstehung des Bluthochdrucks sind unterschiedliche Faktoren beteiligt. Nicht wenige davon dirigieren unseren Alltag.

Einerseits sind vererbbare genetische Faktoren beteiligt, die wir kaum beeinflussen können. Andererseits bestimmen auch unser Verhalten, unser soziales Umfeld, Umweltfaktoren, psychologische Befindlichkeiten und organische Erkrankungen, wie sich unser Blutdruck verhält.

Ist der Mensch längere Zeit Stresssituationen ausgesetzt, verschiebt sich der Schwellenwert der körpereigenen Blutdruckregulation nach oben. Die Charakteristik des Bluthochdrucks legt eine psychosomatische Ursache nahe, denn sie unterscheidet sich grundlegend von anderen körperlichen Erkrankungen: Sie hat zunächst keine Symptome und ist kaum bemerkbar.

Viele Hochdruckpatienten sind jahrelang erkrankt, bevor es bemerkt wird, da sie beschwerdefrei sind. Bluthochdruck ist behandelbar, aber nicht heilbar. Fast jeder kennt die Problematik des Bluthochdrucks, aber nur die Hälfte der Bevölkerung kennt den eigenen Blutdruck. Und zwei Drittel der Betroffenen erhalten keine entsprechende Therapie.

Seit der Entwicklung wirksamer Medikamente besteht die Therapie fast nur noch aus der Verabreichung von Pharmaka. Nebenwirkungen veranlassen viele Patient, die Medikamente wieder abzusetzen. Bewegung, Entspannung und seelische Entlastung tauchen dagegen im Therapieansatz (leider) kaum noch auf.

Dabei spielen seelische Faktoren eine große Rolle

Hochdruckpatienten haben wegen der anfänglich fehlenden Symptome häufig keine Krankheitseinsicht. Ist der Arzt erfahren und in motivierender Gesprächsführung geübt, wird es ihm gelingen, zusammen mit dem Patienten ein akzeptables Krankheitsbild zu entwerfen.

Dabei stellen sich Fragen wie:

  • Hat der Patient schon selbst oder in der Familie Erfahrungen mit Bluthochdruck?
  • Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen für den Patienten?
  • Hat er evtl. bei den Eltern einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlebt?
  • Löst es bei ihm Ängste aus, z.B. vor Pflegebedürftigkeit oder Angst vor dem Sterben?
  • In welcher Lebenssituation befindet sich der Patient und fühlt er sich dadurch stigmatisiert?2

Hier muss der Patient motiviert werden, Eigenverantwortung zu übernehmen. Die wichtigste ist die selbstverantwortliche Blutdruckmessung. Dadurch bekommt der Patient Kontrolle über die Situation seiner Erkrankung. Der Zusammenhang zwischen Blutdruckwerten und bestimmten Ereignissen wird klarer.

Wenn ein seelischer Leidensdruck besteht, kann therapeutische Hilfe angeboten werden. Wichtig ist die Frage nach Konflikten in der Familie, mit dem Partner oder im Beruf. Manchmal liegt eine psychische Erkrankung vor (Depression, Angststörung, Borderline-Störung), die Bluthochdruck auslösen können.

Die Schilderungen des Patienten sollten erst genommen werden; psychologische Hintergründe sollten nicht vom Arzt aufgedeckt, sondern vom Patienten selbst entdeckt werden. Professor Titscher sagt, die Einsicht über die Bedeutung der Emotionen für die Entstehung des Hochdrucks fördern die Motivation des Patienten und das Vertrauen zum Arzt.

1 Georg Titscher in Psychokardiologie – Ein Praxisleitfaden für Ärzte und Psychologen, Deutscher Ärzteverlag, Köln 2008, S.129

2 Ebenda, S. 136