Teufelskreis der Schlaflosigkeit

Bei einer Schlafstörung, die mehrere Monate oder Jahre anhält, ohne dass ein erkennbarer anderer Grund auftritt, spricht man von einer primären Schlafstörung. Drei von vier Hausarztpatienten kennen das, in der Hälfte aller Fälle wird das beim Arztgespräch aber gar nicht angesprochen.

Bei einer primären chronischen Schlafstörung sind die ursprünglichen Auslöser wie Medikamente, körperliche oder psychische Erkrankungen nicht mehr erkennbar, die schlaflosen Nächte haben ihren eigenen Rhythmus entwickelt, wir nennen es den Teufelskreis der Schlaflosigkeit: Wir werden durch ein Geräusch wach, dann kommen negative Gedanken dazu, die lösen wiederum Ärger aus, in der Folge steigt der Blutdruck und das Ganze beginnt wieder von vorne.

Die Architektur des Schlafes

Aber nicht alles, was wir dafür halten, ist eine Schlafstörung. Das Schlafbedürfnis und die Schlafdauer schwanken von Person zu Person. Dauer und „Architektur“ des Schlafes verändern sich im Laufe des Lebens. Säuglinge schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. In der Jugend pendelt sich die Schlafdauer bei ca. 8 Stunden ein.

Eine erste Verschlechterung des Schlafes tritt zwischen 30 und 40 ein, bei Frauen ist das Klimakterium oft der Auslöser einer Schlafverschlechterung, ab dem 50. Lebensjahr verändert sich die „Schlafarchitektur“: Der Tiefschlaf verkürzt sich, Aufwachphasen werden häufiger, man schläft oberflächlicher. Schlafforscher raten: Wer im Alter aktiv bleibt, schläft besser.

Verhaltensmaßnahmen bei Schlafstörungen

Bleiben Sie ein Gewohnheitstier. Sind keine anderen Einflüsse erkennbar, wird bei Schlafstörungen zu Verhaltensmaßnahmen ohne Medikamente geraten. Gehen Sie zu gewohnten Zeiten ins Bett und verändern Sie so wenig wie möglich Ihren Rhythmus, auch am Wochenende oder im Urlaub nicht. Langweilig aber hilfreich. Wer tagsüber schläft, muss sich nicht wundern, wenn es nachts nicht mehr klappt. Gönnen Sie sich ruhig einen „Powernap“ von 15 Minuten, das machen auch Manager. Aber verdösen Sie nicht den ganzen Tag.

Kein Fernsehen unmittelbar vor dem Zubettgehen, der hohe Blauanteil des TV-Lichts spiegelt uns Tageslicht vor und bringt den Rhythmus durcheinander. Und wundern Sie sich nicht, wenn Sie nach einem Krimi nicht schlafen können. Der Kreislauf ist dadurch auf Hochspannung programmiert. Alkohol hilft zwar beim Einschlafen, stört aber das Durchschlafen. Wenn Sie nicht mehr einschlafen können, stehen Sie lieber auf, suchen nach Entspannung oder legen sich ein Hobby zu, das man auch nachts ausüben kann.

Körperliche Erkrankungen sorgen für Schlaflosigkeit

Folgende Erkrankungen können für Schlaflosigkeit sorgen:

  • hormonelle Störungen
  • Erkrankungen der Schilddrüse
  • Herz-Kreislauf-Störungen
  • Nierenerkrankungen
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • Rheuma
  • Krebs
  • Hirnschäden
  • Epilepsie
  • Atemwegserkrankungen
  • Schmerzen
  • Degenerative Erkrankungen

Schlafapnoe, also regelmäßige Atemaussetzer und das Restless-Legs-Syndrom mit Schmerzen in den Beinvenen gehören ebenfalls zu den organischen Erkrankungen, die Schlaflosigkeit auslösen können.

Seelische Beschwerden sorgen für schlaflose Nächte

Schwere psychiatrische Erkrankungen lösen fast immer Schlafstörungen aus. Zu ihnen gehören:

  • Depressionen
  • Manien
  • Schizophrenien
  • Angststörungen
  • Essstörungen
  • Demenzen

Aber auch leichtere seelische Belastungen und Sorgen können zu Schlafentzug führen. Suchen Sie das Gespräch mit dem Partner oder in einer Gruppe.

Medikamente können zu Schlafstörungen führen

Folgende Medikamente können zu Schlafstörungen führen:

  • Bluthochdruckmittel, Betablocker und weitere Herz- und Kreislaufmedikamente
  • Statine gegen Fettstoffwechselstörungen
  • Medikamente gegen Asthma
  • Mittel gegen entzündliche Gelenkerkrankungen
  • Schilddrüsenmedikamente
  • Antibiotika
  • Schmerz- und Migränemittel
  • Koffeinhaltige Schmerz-, Husten- und Grippemittel, Kortison
  • Appetitzügler
  • Antriebssteigernde Antidepressiva
  • Psychopharmaka
  • Schlafmittel nach längerer Anwendung

logo_rund

Welche Schlafmittel gibt es und was ist zu beachten?

Es wurden unterschiedliche Substanzen entwickelt, um Schlafstörungen zu bekämpfen – angefangen von pflanzlichen Mitteln bis hin zu Benzodiazepinen, Antidepressiva und Neuroleptika.

Benzodiazepine

Sie werden von Ärzten seit den 60er Jahren am häufigsten verschrieben, weil sie anfangs eine durchschlagende Wirkung haben. Benzodiazepine, neuerdings auch die Gruppe der Nicht-Benzodiazepine,  verstärken die Wirkung des Botenstoffs Gamma-Amino-Buttersäure, der als Wachbremse wirkt. Es wirkt muskelentspannend, beruhigend- und dämpfend, krampflösend und angstlösend. Ärzte verschreiben es gerne als Wunderwaffe gegen Schlafstörungen.

Weil sie aber nach etwa 14-tätiger Einnahme zu Abhängigkeit führen und eine Überdosis wiederum zu Schlafstörungen, hat die Pharmaindustrie seit den 90er Jahren versucht, mit ähnlichen, aber weniger starken Wirkstoffen eine Schlafverbesserung zu erreichen. Das Wirkprofil der Nicht-Benzodiazepine (Zopiclon, Zolpidem, Zaleplon) ist dem der Benzodiazepine ähnlich, wobei der Haupteffekt auf der schlafanstoßenden und der angstlösenden Komponente liegt. Die Gefahr der Abhängigkeit ist geringer, trotzdem sind diese Medikamente nur zur Kurzzeitbehandlung geeignet. Für ältere Menschen besteht wegen der sedierenden und muskelentspannenden Wirkung Sturzgefahr!

Antidepressiva wirken schlafanstoßend

Manche Patienten wundern sich, wenn der Arzt bei Schlafstörungen Antidepressiva verschreibt. Der Grund ist einfach, sie wirken schlafanstoßend, einige auch beruhigend. Antidepressiva haben einen geringeren Abhängigkeitseffekt wie Benzodiazepine und sie haben einen geringeren Absetzeffekt. Die Nebenwirkungen können auf lange Dauer aber schwerwiegend sein.

Die Nebenwirkungen können zu Gewichtszunahme, Blutdrucksenkung, Verstopfung, Mundtrockenheit, Herzrhythmusstörungen und Verwirrtheitszuständen führen. Die Langzeitwirkung sorgt für einen langen „Hangover“ auch in den Tag hinein, oft wird die dämpfende Wirkung auch am Tag als lästig empfunden. Eine Überdosis kann tödlich sein.

Bei schwerwiegenden psychischen Erkrankungen wirken Neuroleptika

Neuroleptika wie Promazin oder Melperon werden angewandt, wenn Schlafstörungen einen psychiatrischen Hintergrund haben. Wie Antidepressiva können auch sie nur vom Facharzt verschrieben werden. Wegen der zum Teil dramatischen Spätfolgen (Mundtrockenheit, Schwitzen, Sehstörungen, Zittern, Kreislaufbeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Blutbildveränderungen, Depression, in hoher Dosierung Störungen der Gesichtsmuskulatur, Gewichtszunahme) sollten diese Medikamente nur bei Personen mit schwerer psychiatrischer Erkrankung (Schizophrenie, Wahrnehmung von Trugbildern, wahnhafte Gedanken) verschrieben werden.

Die Wirkung von Antihistaminika ist unzureichend untersucht

Eigentlich werden mit Antihistaminika Allergien behandelt, ihre müde machende Wirkung wird aber oft zur Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt. Die Präparate sind in der Apotheke frei erhältlich. (Dolestan, Dormigoa, Dormulit, Doxylamin, Gittalun, Hevert Dorm, Hoggar N, Nervo OPT, Sedaplus und als Kombinationspräparate Betadorm, Dolestan, Moradorm).

Obwohl der schlafanstoßende Effekt geringer ist als bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, können sie zu einem Überhangeffekt am Tag führen. Die Nebenwirkungen können Mundtrockenheit, Verstopfung, Beschwerden bei der Blasenentleerung, Sehstörungen, Benommenheit am Tage sein. Verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit der Präparate kann wegen der unkontrollierten Einnahme auf dem freien Markt nicht gemacht werden.

Pflanzliche Präparate

Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie weitgehend frei von bedeutsamen Nebenwirkungen sind. Da nicht jede Pflanze die gleichen Wirkstoffkonzentrationen aufweist, kann die Wirkung auch sehr unterschiedlich ausfallen. Seit langem werden Baldrian, Hopfen, Passionsblume, Melisse und Kava eingesetzt. Sie sorgen für eine Verbesserung der Schlafstruktur und einige wirken stimmungsaufhellend.

Körpereigene Substanzen

Unser Körper stellt die Substanz L-Tryptophan her, aus der unser Organismus die Botenstoffe Serotonin und Melatonin gewinnt. Beide regulieren den Wach-Schlaf-Rhythmus und haben einen schlafanstoßenden Effekt

Der schlafanstoßende Effekt von Serotonin ist zwar gering, aber für leichte Schlafstörungen ist er gut geeignet. Serotonin wirkt erst nach mehrwöchiger Anwendung. Es ist in Apotheken frei verkäuflich.

L-Tryptophan hat keine Nebenwirkungen und kommt in einer Reihe von Nahrungsmitteln vor. Sojabohnen, Kakaopulver, Haferflocken und Milch sind geradezu L-Tryptophanbomben. Daher kommt vermutlich auch das alte Hausrezept „Heiße Milch mit Honig“. Der Honig enthält den Zucker, der für das Tryptophan als „Transportmittel“ ins Gehirn dient. Darum wird empfohlen, L-Tryptophan abends mit etwas Orangensaft zu sich zu nehmen.