Der Idealfall bei Herzerkrankung: medizinische und seelische Hilfe sowie Veränderung eines schädlichen Lebensstils

Jede gravierende Herzerkrankung sollte optimaler Weise mit einem 3-phasigen Behandlungskonzept therapiert werden. Handelt es sich um einen Notfall, wie bei einem Herzinfarkt, beginnt die erste Phase mit dem Noteinsatz eines Rettungsdienstes und einer anschließenden Akut-Behandlung. Andernfalls steht an erster Stelle nach einer entsprechenden Diagnose die ärztliche Behandlung, die in manchen Fällen einen operativen Eingriff in einer Klinik beinhalten kann.

Auf diesen folgt, im zweiten Schritt, die Rehabilitation in einer spezialisierten Klinik, die manchmal einen mehrwöchigen Aufenthalt bedingt. Hier steht nicht nur die medizinische Behandlung im Mittelpunkt. Nun werden erste verhaltensmedizinische Maßnahmen erprobt. Herzpatienten sollen lernen, die Erkrankung anzunehmen und lernen, damit zu leben. Dabei liegt das Augenmerk auf einer Umstellung des Lebensstils: Weg von schädlichen Angewohnheiten wie Bewegungsmangel, Nikotinkonsum, Alkoholgenuss und Stress – hin zu einem gesunden und ausgeglichenen Alltag mit ausreichend Bewegung, gesunder Ernährung und gelingender Stressbewältigung.

Für die beiden ersten Phasen stehen in Deutschland eine Vielzahl von spezialisierten Einrichtungen bereit. Die Reha erlaubt es dem Betroffenen, sich auf eine Zukunft mit der Herzerkrankung vorzubereiten. Das geschieht in einem beschützten Umfeld und in Abwesenheit von Familie oder Partner, die natürlich ihrerseits Ängste und Sorgen entwickeln können. Allerdings lässt sich auch zunehmend ein Trend erkennen, Reha-Aufenthalte drastisch zu verkürzten oder ganz weg fallen zu lassen.

Irgendwann steht der Herzkranke relativ alleine dar

Nach dem Aufenthalt in einer Akut-Klinik stehen Betroffene oft alleine da. Auch nach dem behütenden Umfeld der Reha klafft eine Therapielücke, wo eigentlich die dritte Stufe der Behandlung greifen sollte: die psycho-kardiologische Begleitung.

Denn nun müssen Betroffene lernen, sich den Anforderungen ihrer Erkrankung anzupassen, um wieder eine zufriedenstellende Lebensqualität zu erlangen. Um den Alltag zu bewältigen, müssen neue Verhaltensstrategien geprobt werden. Es muss geübt werden, gelassen mit Stress umzugehen und auf die Herausforderungen des sozialen Umfeldes mit veränderten Verhaltensstrategien zu reagieren. All das findet vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Angst statt, ob man diesem Alltag noch gewachsen ist.

Selbsthilfegruppen als aktives Instrument selbstbestimmter Genesung

In den letzten Jahren hat unser Versorgungssystem diese Lücke in der therapeutischen Begleitung erkannt und fördert Selbsthilfegruppen, in der Herzkranke selbst tätig werden. Vielversprechend ist der Schwerpunkt von Herzsportgruppen, Herzpatienten zu Bewegung und Ausdauersport zu motivieren. Einige Kliniken bieten Kochkurse an, um Patienten mediterrane Kost näher zu bringen. Kunsttherapeutische Angebote oder Jogakurse sollen helfen, den Stresspegel niedrig zu halten. Für viele reicht das aber nicht aus.

Psycho-kardiologisch ausgerichtete Selbsthilfegruppen setzen dort an, wo Operationen zu Traumatisierungen geführt haben, Ängste zur Belastung geworden sind und die Anpassung an eine veränderte Lebensgestaltung zunächst gescheitert ist. In diesen Selbsthilfegruppen treffen Betroffene, die im seelischen Umgang mit der Herzerkrankung geschult sind mit „Neulingen“ zusammen, um Erfahrungen auszutauschen. So entsteht ein Ort, an dem erlebt wird, wie das Leben nach der Herzerkrankung eine neue Qualität annehmen kann; und ein Dialog über die verschiedenen Wege, die zu einem neuen Lebensentwurf führen können, um Ängste und Sorgen zu bewältigen. In einer Selbsthilfegruppe können Betroffene sicher sein, auf die offenen Ohren und Herzen zu stoßen, die sich in ihrem „normalen“ Umfeld schon aufgrund fehlender Erfahrungswerte oft nicht anbieten.

Behutsam wieder „das Leben in die Hand nehmen“

In der Selbsthilfegruppe für Herzkranke wird Aufklärungsarbeit geleistet, die in Phase 1, der medizinischen Behandlung, und selbst Phase 2, der Reha, oft zu kurz kommt. Denn je transparenter die Erkrankung wird, desto geringer ist die Angst vor dem jetzt „unbekannten“ Körper.

Ein weiterer, zentraler Aspekt der Selbsthilfegruppe ist der kreative, lebendige Raum, der jedem Teilnehmenden eröffnet wird. Jeder kann die gemeinsam verbrachte Zeit mit gestalten. Das ist eine ermutigende Erfahrung nach Wochen und Monaten, in denen man sich selbst nicht mehr als Dirigent des eigenen Lebens empfand. Hier kann jeder so viele oder wenige Aufgaben annehmen, wie es sich gerade richtig anfühlt und dem Selbstwertgefühl gut tut.

So wird die psycho-kardiologische Herzgruppe ein Raum der seelischen Genesung und gleichzeitig ein „Alltagslabor“, ein Ort der Emanzipation durch Wissenszunahme und des Dialogs mit Menschen, die einen ähnlichen biographischen Einschnitt erlebt haben.

Die Selbsthilfegruppe ersetzt keine Psychotherapie. Aber sie sensibilisiert die Teilnehmer für seelisch belastende Themen und hilft so manchem bei dem Entschluss, vielleicht doch therapeutische Hilfe zu suchen. Psycho-kardiologische Selbsthilfe stellt ein belastbares Modul dar, mit dem durch Herzerkrankung ausgelöste seelische Belastungen erkannt und selbstbestimmt „behandelt“ werden können. Medizinische und psychotherapeutische Maßnahmen können durch Selbsthilfegruppen begleitet werden und festigen langfristig den Therapieerfolg. Zudem können alle Teilnehmer von den Erfahrungen des Einzelnen profitieren.